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DiscoursPublié le 23 octobre 2026

KMU im Wahn(sinn) zwischen Albtraum und Wirklichkeit

St. Gallen, 23.10.2026 — Schweizer KMU-Tag | Grusswort von Bundespräsident Guy Parmelin, Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung. St. Gallen, Freitag, 23. Oktober 2026

Es gilt das gesprochene Wort.

Geschätzte Unternehmerinnen und Unternehmer

Liebe Gäste

Es freut mich sehr, heute wieder in St. Gallen zu sein. Vor genau zwei Wochen war ich schon einmal hier – auf dem OLMA-Gelände. Damals durfte ich das berühmte OLMA-Säuli Vivienne kennenlernen. Vielleicht haben Sie die Bilder gesehen. Zuerst war Vivienne alles andere als begeistert. Sie hat geschrien wie am Spiess! Ich habe in meiner politischen Karriere schon viel Kritik einstecken müssen. Aber so lautstark hat mir noch niemand seine Meinung gesagt.

Doch offenbar konnte ich Vivienne, und auch andere Kritiker, besänftigen. In den vergangenen zwei Wochen ist viel passiert: Vor einer Woche war ich am Weltbanktreffen im thailändischen Bangkok. Gleich anschliessend ging es nach Hanoi zur Unterzeichnung des Freihandelsabkommens mit Vietnam. Begleitet von einer grossen Wirtschaftsdelegation.

Dabei durfte ich zwei eindrückliche Empfänge auf höchster Ebene und viele interessante Gespräche erleben. Dabei wurde mir einmal mehr klar: Die Welt ist auch ausserhalb von Viviennes Radius ziemlich verrückt. Und damit sind wir bereits beim Thema des heutigen KMU-Tages: «KMU im Wahn(sinn) zwischen Albtraum und Wirklichkeit». Wir leben in einer Zeit, in der sich die Ereignisse überschlagen: Kriege, geopolitische Spannungen, Handelskonflikte, künstliche Intelligenz, Energiefragen und neue Vorschriften. Was gestern noch sicher schien, kann morgen bereits infrage gestellt sein.

Das spüren Sie als Unternehmerinnen und Unternehmer jeden Tag. Ein wichtiger Auftrag kommt herein. Gleichzeitig fällt eine Maschine aus. Ein Kunde ändert seine Wünsche. Eine Fachkraft kündigt. Und dann kommt noch ein Brief von der Verwaltung mit einem neuen Formular. Manchmal frage ich mich, ob die Bürokratie die einzige Branche ist, die garantiert nie unter Fachkräftemangel leidet.

Auch wir in der Politik tragen Verantwortung dafür, dass Unternehmen nicht mit immer neuen Vorschriften belastet werden. Denn Sie sollen Ihre Zeit mit Ihren Kunden, Produkten und Mitarbeitenden verbringen. Und nicht mit Formularen. Bei all den Herausforderungen vergessen wir manchmal, wie erfolgreich unsere Schweizer Unternehmen sind. Unsere KMU – und damit meine ich Sie – gehören in vielen Bereichen zur Weltspitze!

Sie entwickeln hochpräzise Maschinen, innovative Technologien und erstklassige Produkte. Oft sind Sie in Nischen tätig, die kaum jemand kennt – und in denen Sie weltweit führend sind. Viele sind Familienunternehmen, die über Generationen aufgebaut wurden. Sie denken langfristig, übernehmen Verantwortung und erfinden sich immer wieder neu. Diese Exzellenz ist kein Zufall. Sie entsteht durch harte Arbeit, gute Ideen, hervorragend ausgebildete Mitarbeitende und den Willen, jeden Tag etwas besser zu werden. Wir sind ein kleines Land, haben kaum Rohstoffe, aber hohe Löhne. Trotzdem behaupten sich unsere Unternehmen weltweit.

Nicht, weil wir die Billigsten sind. Sondern weil wir zu den Besten gehören. Darauf dürfen wir stolz sein. Meine jüngsten Reisen nach Thailand und Vietnam haben mir gezeigt, wie wichtig offene Märkte und internationale Beziehungen sind. In beiden Ländern spürt man eine enorme Dynamik. Den Ehrgeiz, vorwärtszukommen, zu investieren und neue Chancen zu nutzen. Der internationale Wettbewerb schläft nicht. Deshalb sind unsere Beziehungen zur EU, den USA und China so wichtig – auch wenn sie nicht immer einfach sind. Wir dürfen nicht auf einzelne wenige Märkte setzen. Wir müssen gleichzeitig neue Märkte erschliessen. Freihandelsabkommen sind keine abstrakten diplomatischen Dokumente. Sie schaffen konkrete Chancen für unsere Unternehmen.

Auch ein kleines KMU aus der Ostschweiz kann mit seinen Produkten die ganze Welt erobern. Dazu braucht es Qualität, Innovationskraft, gute Rahmenbedingungen und Mut. Als Landwirt und Winzer habe ich gelernt, dass man vieles planen kann. Aber längst nicht alles. Man kann die Reben pflegen und sich auf eine gute Ernte vorbereiten. Aber das Wetter hält sich selten an unsere Pläne. Das beweisen zum Beispiel meine beiden Präsidialjahre. Mein erstes Präsidialjahr 2021 war von Überschwemmungen geprägt. Das zweite jetzt von einer fast beispiellosen Trockenheit. Wenn das nicht ver-rückt ist! Trotz solchen Rückschlägen ist Aufgeben nicht immer der beste Ratgeber.
Man muss weiterarbeiten, Lösungen suchen und zuversichtlich bleiben.

Genau diese Haltung erkenne ich bei unseren KMU. Sie warten nicht, bis alle Unsicherheiten verschwinden. Sie packen an, investieren, bilden junge Menschen aus und schaffen Arbeitsplätze. Dafür verdienen Sie unseren Respekt und Dank. Wie Sie wissen, werde ich Ende Jahr aus dem Bundesrat zurücktreten. Nach elf Jahren in der Landesregierung ist für mich der Zeitpunkt gekommen, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Ich habe als Bundesrat einiges erlebt: schwierige Verhandlungen, Krisen, nein viele Krisen, gelegentlich schlaflose Nächte – aber vor allem auch wunderbare Begegnungen mit wunderbaren Menschen!

Und ich habe dabei gelernt, dass man auch in der Politik nicht alles kontrollieren kann. Nicht einmal ein Säuli namens Vivienne. Immerhin hat mein Rücktritt aber einen grossen Vorteil: Nach zwölf Jahren im Nationalrat und elf Jahren im Bundesrat weiss ich, wie schwierig es ist, Bürokratie abzubauen. Deshalb fange ich nun bei mir selbst in Bursin an und baue die Bürokratie und damit all die Dokumentenstapel in meinem Büro ab. Das hat einen Vorteil. Man sieht den Abbau sofort! Spass beiseite: Zu meinen wertvollsten Erfahrungen gehören unter anderen die Begegnungen mit Unternehmerinnen und Unternehmern. Das heisst mit Menschen, die ihre Betriebe mit Leidenschaft führen, Risiken eingehen, Verantwortung für ihre Mitarbeitenden übernehmen und auch in schwierigen Zeiten nicht aufgeben.

Menschen, die nicht nur über Probleme reden, sondern Lösungen suchen und finden. Genau diese Haltung braucht unser Land. Die Welt wird auch künftig nicht einfacher werden. Wirtschaftliche Unsicherheiten, politische Spannungen und technologische Veränderungen bleiben. Aber wir haben allen Grund, zuversichtlich zu sein. Die Schweiz verfügt über hervorragende Unternehmen, gut ausgebildete Menschen, starke Institutionen und eine beeindruckende Innovationskraft. Diese Stärken müssen wir bewahren. Dafür braucht es eine Politik, die den Unternehmen vertraut, ihnen Freiräume lässt und gute Rahmenbedingungen schafft. Vergessen Sie nicht: Die besten Ideen entstehen nicht durch staatliche Vorschriften. Sondern dort, wo Menschen etwas wagen und Verantwortung übernehmen.

Liebe Unternehmerinnen und Unternehmer

Drei Gedanken möchte ich Ihnen mitgeben: Erstens: Lassen Sie sich nicht entmutigen. Nicht jedes düstere Szenario wird Wirklichkeit. Zweitens: Bleiben Sie mutig. Wer auf den perfekten Zeitpunkt wartet, verpasst viele Chancen. Drittens: Bewahren Sie Ihren Humor. Er hilft manchmal mehr als die beste Krisenstrategie. Vielleicht ist das auch die wichtigste Erkenntnis aus meiner Begegnung mit Vivienne: Man darf gelegentlich laut protestieren. Aber irgendwann muss man wieder zur Ruhe kommen. Gelegentlich auch durch eine ruhige Hand von aussen.

Sie beweisen jeden Tag, wie man auch in schwierigen Zeiten erfolgreich bleibt. Sie schaffen Arbeitsplätze, Wohlstand und Perspektiven. Dafür danke ich Ihnen von Herren. Und vergessen Sie nicht: Die Stärke der Schweiz liegt nicht in erster Linie im Bundeshaus. Sie liegt bei den Menschen, die jeden Tag Verantwortung übernehmen. Bei Menschen wie Ihnen.

Herzlichen Dank!