Mittwochsgesellschaft: «La Suisse dans le monde» (de)
Cham, 06.05.2026 — Discours du conseiller fédéral Ignazio Cassis, chef du Département fédéral des affaires étrangères (DFAE) à l'occasion de l'assemblée générale de la Mittwochsgesellschaft à Cham – Seul le texte prononcé fait foi
Sehr geehrter Herr Präsident Arno Grüter
Geschätzte Anwesende
Meine Damen und Herren
Wenn ich richtig informiert bin, ist die Mittwochgesellschaft eine sehr gepflegte Form des Austauschs.
Der Mittwoch ist auch für uns im Bundesrat ein besonderer Tag – unsere Sitzung findet jeweils am Mittwoch statt.
Auch eine Art Gesellschaft…
wenn auch nicht immer ganz so entspannt.
Meine Damen und Herren,
«Wirtschaft» wurde in den letzten Jahren immer mehr zum Schimpfwort.
Heute droht «Wachstum» dasselbe Schicksal.
Wir diskutieren Wachstum – als hätten wir zu viel.
Viele Länder dagegen hätten gerne ein bisschen mehr davon.
Die Welt draussen
Die Welt verändert sich.
Nicht ein Bisschen. Sondern grundlegend.
Geopolitik ist zurück.
Macht. Rivalität. Fragmentierung.
Und gleichzeitig wird die Wirtschaft selbst
zum Instrument dieser Macht:
- Sanktionen
- Marktzugänge
- Technologische Kontrolle
Für Unternehmen bedeutet das: Unsicherheit wird zur neuen Normalität.
Und genau hier interessiert mich besonders, wie Unternehmen und Investoren mit dieser neuen Realität umgehen.
Die Globalisierung verschwindet nicht. Aber sie verändert ihren Charakter.
- Sie wird politischer,
- fragmentierter
- und paradoxerweise... lokaler.
Für ein Land wie die Schweiz ist das entscheidend.
Denn jeder zweite Franken unseres Wohlstands kommt aus dem Export
Für ein Land wie die Schweiz ist Offenheit keine Ideologie – sie ist eine Notwendigkeit.
Die Schweiz als Insel
Und deshalb gilt auch:
Die Schweiz ist keine Insel.
Oder besser gesagt:
Sie ist eine Insel – im Herzen eines Kontinents.
Und das ist kein Problem.
Das ist unser Vorteil.
Solange wir von stabilen Partnern umgeben sind.
Die Schweiz im Innern: Wohlstand und seine Paradoxien
Aber die entscheidende Frage ist nicht nur:
Was passiert draussen?
Sondern:
Was passiert bei uns selbst?
Der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann beschreibt einen einfachen Mechanismus:
Mit wachsendem Wohlstand verändern sich unsere Erwartungen.
Das ist seit Maslow bekannt:
Mit erfüllten Bedürfnissen steigen die Erwartungen.
Oder noch einfacher:
Der Mensch gewöhnt sich an Fortschritt.
Und genau deshalb verliert Wohlstand seine Selbstverständlichkeit – gerade, weil er selbstverständlich geworden ist.
Wie bei einer Impfung:
Ihre Notwendigkeit merkt man erst, wenn sie fehlt.
Das ist kein neues Phänomen.
Bereits der Club of Rome sprach von den «Grenzen des Wachstums».
Aber diese Kritik war nicht der Anfang. Sie war die Folge.
Die Folge einer Gesellschaft, die nach den glorreichen dreissig Jahren so erfolgreich geworden war, dass sie begann, ihren eigenen Erfolg zu hinterfragen.
Die zentrale Frage lautet:
Können wir Wachstum begrenzen und gleichzeitig den Wohlstand erhalten?
Ich bin skeptisch.
Denn in offenen Volkswirtschaften gehen qualitatives und quantitatives Wachstum meist Hand in Hand.
Gleichzeitig verschiebt sich die politische Debatte.
Zuwanderung wird problematisiert.
Wachstum wird kritisiert.
Aber beides hängt zusammen und genau das geht in der Debatte oft verloren.
«Das schwächt Vertrauen. Und ohne Vertrauen wird Politik schwierig.»
Hinzu kommt ein weiterer Punkt:
Wir haben lange keine echten Krisen mehr erlebt. Und das verändert eine Gesellschaft.
Denn Krisen haben auch eine Funktion: Sie schaffen Orientierung.
Ohne sie entsteht ein paradoxer Zustand:
Eine Gesellschaft im Dauerwachstum, die verlernt, Wachstum zu verstehen.
Die Diagnose ist unbequem:
Die Schweiz leidet weniger an Mangel als an Überfluss.
An einem aussergewöhnlich langen, stabilen Wachstum und an dessen psychologischen Nebenwirkungen.
Wohlstand wird dann zum Problem, wenn wir vergessen, woher er kommt.
Und genau das verändert auch Investitions- und Standortentscheide.
Die Frage ist:
Reagieren wir darauf rational oder emotional?
Konsequenzen für unsere Politik
Was bedeutet das für uns?
Zunächst:
Wir dürfen uns nichts vormachen.
Abschottung ist keine Lösung.
Ein exportabhängiges Land kann sich nicht vom Umfeld abkoppeln, von dem es lebt.
Das gilt auch für Europa.
Unser wichtigster Markt.
450 Millionen Konsumentinnen und Konsumenten und vor allem: ein verlässlicher Rechtsraum.
Gerade in einer Welt, in der Verlässlichkeit knapper wird.
Deshalb ist der bilaterale Weg keine Ideologie. Er ist eine strategische Notwendigkeit.
Und es gilt auch für unsere Innenpolitik.
Ein wachsender Staat, ein wachsendes Gesundheitssystem, wachsende Erwartungen – das alles hat einen Preis.
Und dieser Preis wird bezahlt.
Von den Bürgerinnen und Bürgern. Über Prämien. Über Steuern.
Und damit letztlich auch über die Wettbewerbsfähigkeit unseres Standorts.
Die zentrale Herausforderung ist deshalb:
Nicht Wachstum zu stoppen.
Sondern Wachstum zu gestalten.
Die Kunst des Pragmatismus
Meine Damen und Herren,
wir stehen vor einer einfachen, aber entscheidenden Frage:
Wie gehen wir mit einer Welt um, die unsicherer wird und mit einer Gesellschaft, die gleichzeitig anspruchsvoller wird?
Die Antworten darauf werden nicht nur in der Politik gegeben.
Sondern auch in Unternehmen.
In Investitionsentscheiden.
Und in der Art, wie wir Risiken einschätzen.
Denn letztlich geht es um eine zentrale Frage:
Wie viel Offenheit verträgt unsere Sicherheit und wie viel Sicherheit braucht unsere Offenheit.
Und vielleicht noch konkreter:
Wie bleiben wir handlungsfähig in einer Welt, die gleichzeitig komplexer und emotionaler wird?
Stabilität ist heute kein Zustand mehr, sie ist eine Leistung.
Ich danke Ihnen und freue mich auf die Diskussion.
