WEF Eröffnungsrede
Davos, 20.01.2026 — Eröffnungsrede von Bundespräsident Guy Parmelin, Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF), beim Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums 2026 in Davos. Es gilt das gesprochene Wort.
Herr Hoffmann
Herr Fink
Herr Brende
Exzellenzen
Meine Damen und Herren
Als Schweizer Bundespräsident freue ich mich sehr, so viele Staats- und Regierungschefs beim Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums begrüssen zu dürfen.
In diesem Jahr, das für unser Land so tragisch begonnen hat, ist Ihr zahlreiches Erscheinen besonders wertvoll. Bei dieser Gelegenheit möchten wir uns nochmals bei allen beteiligten Ländern für ihre Unterstützung und Solidarität bei der Tragödie von Crans-Montana bedanken.
Es ist beeindruckend, wie eine Katastrophe die Kräfte mobilisiert, den internationalen Zusammenhalt stärkt und uns trotz allen Unglücks zu einen vermag. Diese Einigkeit muss über die besonderen Ereignisse bestehen bleiben, so tragisch sie auch sein mögen. Sie soll allen internationalen Beziehungen stets zugrunde liegen, denn nur gemeinsam können wir solide und nachhaltige Lösungen für die grossen Herausforderungen unserer Zeit finden.
Das Jahr 2025 hielt viele solcher Herausforderungen für uns bereit und hat weltweit geopolitische, wirtschaftliche und digitale Umbrüche mit sich gebracht. Diese Veränderungen sind überall spürbar; sie prägen unseren Alltag und auch das Weltwirtschaftsforum, das im vergangenen Jahr ebenfalls unruhige Zeiten erlebte. Die diesjährige Ausgabe des Forums und die vielen hochrangigen Gäste unterstreichen jedoch die Bedeutung von Resilienz und Dialog. Nur so können unsere Institutionen stabil bleiben und Herausforderungen bewältigen.
Kaum begonnen, lässt das Jahr 2026 bereits Umbrüche und Krisenherde erkennen. Zu den Notlagen in der Ukraine, im Gazastreifen und im Sudan sind jene in Venezuela und im Iran hinzugekommen, um nur einige zu nennen. Die Wirtschaftspolitik ist weltweit von zunehmendem Protektionismus geprägt. Darüber hinaus bleiben zahlreiche Fragen hinsichtlich der Rolle und Kontrolle künstlicher Intelligenz weiterhin unbeantwortet.
Das erstaunt nicht: Für den Menschen gibt es keinen Stillstand. Oder wie es Henri Bergson treffend formulierte: «Existieren heisst sich verändern.» Dieses Jahr wird geprägt sein von technologischen Fortschritten und von wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Fragen. Die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz verändert unsere Gesellschaft tiefgreifend. Diese Veränderungen sind immer und in allen Lebensbereichen spürbar: in der Wirtschaft, in der Verwaltung und in unserem Privatleben. Die Art, wie wir arbeiten, kommunizieren und entscheiden, ist nicht mehr dieselbe. Die Veränderungen bergen Risiken und eröffnen Chancen; die digitale Transformation bringt nicht nur Gefahren wie Cyberkriminalität und Desinformation, sondern eröffnet auch vielversprechende Perspektiven, insbesondere im Gesundheitsbereich. Die Technologie ist nie nur gut oder schlecht: Sie ist das, was wir aus ihr machen. Und sie ist uns nur dann eine Hilfe, wenn wir verantwortungsvoll mit ihr umgehen.
Veränderung bedeutet jedoch nicht zwingend Rasanz. Als Wirtschaftsminister, geprägt von der Arbeit auf dem Land, weiss ich, dass nur frühzeitige und vorausschauende Planung dauerhaften Erfolg bringt. Das gilt für viele Bereiche, in denen die Investitionen nicht unmittelbar zu Erträgen führen. Dabei denke ich insbesondere an die Forschung, die ebenfalls in meine Zuständigkeit fällt. Es braucht in allen Situationen ein langfristiges Denken – auch wenn die Zeiten stürmisch sind.
Es hilft uns insbesondere dabei, unsere Entwicklung im Einklang mit unseren Grundwerten voranzutreiben und dabei den Sinn und die Rolle dieser Werte nie aus den Augen zu verlieren.
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Exzellenzen
Meine Damen und Herren
Die Stärke der Schweiz gründet vor allem auf ihrer Beständigkeit, die auf ihre politische Stabilität zurückgeht. Beständigkeit bedeutet jedoch keinesfalls Stillstand – im Gegenteil: Beständigkeit ist die Grundlage unseres Fortschritts. So verfügt unser Land über eine exzellente Bildungs- und Forschungslandschaft, deren Innovationskraft weit über die Landesgrenzen hinaus anerkannt ist. Ausserdem ist die Schweiz dank ihrer offenen und exportorientierten Wirtschaft fester Bestandteil der globalen Wirtschaft.
Der Bundesrat tritt entschlossen dafür ein, dass unser Land weiterhin an dieser vitalen Wirtschaft teilhat. Deshalb ist eine unserer aktuellen Prioritäten, die Beziehungen zu unseren loyalsten und wichtigsten Partnern zu stärken und auszubauen.
Darüber hinaus wollen wir unsere internationalen Beziehungen weiter diversifizieren, vor allem in den Bereichen Handel und Forschung. Auch in Zeiten zunehmenden Protektionismus setzen wir auf den freien Handel und den Ausbau unserer Handelsbeziehungen. Dafür braucht es Verhandlungen auf Augenhöhe mit guten Lösungen für alle Parteien. Für alle Parteien vorteilhafte Abkommen fallen jedoch nicht vom Himmel; wir sind aber dazu in der Lage, sie Schritt für Schritt zu erarbeiten. Persönliche Kontakte und Bereitschaft zum Dialog sind hierfür unerlässlich ‒ und zugleich gegeben.
Das Weltwirtschaftsforum trägt seit jeher zu diesem Dialog bei. Ich bedanke mich bei dieser Gelegenheit für die Möglichkeit, diese bedeutende internationale Plattform für den Austausch und den Dialog auch in diesem Jahr in der Schweiz bereitzustellen.
Die Schweiz passt zu diesem Anlass. Als neutrales Land ist sie in der Lage – und gewillt –, ihre Verantwortung für eine regelbasierte internationale Ordnung, für das Völkerrecht, die Menschenrechte und den freien Handel wahrzunehmen. Seit jeher steht die Schweiz für genau diese Werte.
Mit dem Vorsitz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa übernimmt die Schweiz dieses Jahr eine besonders anspruchsvolle Aufgabe. Die diplomatische Stärke unseres Landes zeigt sich auch in seiner international anerkannten Praxis der Guten Dienste, getragen vom internationalen Genf als passender Rahmen für die Herausforderungen unserer Zeit. Und eines ist klar: Die Schweiz bietet mit ihren Guten Diensten jederzeit Hand.
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Exzellenzen
Meine Damen und Herren
Unsere unterschiedlichen Sichtweisen ermöglichen uns differenzierte Einschätzungen der Entwicklungen unserer Welt und der damit verbundenen Gefahren. Unsere unterschiedlichen Sichtweisen ermöglichen uns jedoch auch den Überblick und schaffen die nötigen Verbindungen, um den Entwicklungen angemessen und gemeinsam zu begegnen. Gesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik müssen Hand in Hand und auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Andernfalls finden wir nur unzureichende oder unvollständige Lösungen.
Wer sich einer Aufgabe dieser Grössenordnung stellen und sie erfolgreich meistern will, braucht jedoch Mut: Mut, vorgefertigte Lösungen abzulehnen; Mut, innovativ zu sein; Mut, seinen Werten treu zu bleiben; Mut, wenn nötig um Hilfe oder Rat zu bitten; und schliesslich Mut, sich langfristig einzusetzen, so wie es Winzerinnen und Winzer angesichts des langsamen und unerbittlichen Rhythmus der Natur tun.
Wir werden sehen, was die künstliche Intelligenz uns zu bieten hat. Und wir werden sicherlich noch oft erstaunt oder sogar geblendet sein. Künstliche Intelligenz wird jedoch niemals Herzen oder helfende Hände vereinen ‒ so wie wir es Anfang dieses Jahres im Wallis erlebt haben. Solidarität und Menschlichkeit gehören nicht zum digitalen Vokabular. Ich sehe darin ein gutes Omen für die Zukunft.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
